Wolfsburger Allgemeine vom 17.02.2026
Spannender „Talk im Foyer“ mit Weller und Beitin
Von Robert Stockamp
Der Talk fand im Foyer des Scharoun Theaters statt.
FOTO: ROLAND HERMSTEIN
Wieder einmal hatte der Theaterring Wolfsburg zum „Talk im Foyer“ in das Scharoun Theater
eingeladen. Das Gespräch zwischen Kulturmanager Martin Weller und seinem Gast, dem
Kunstmuseums-Direktor Andreas Beitin, war die bisher beste Ausgabe dieses Formats.
„Können wir Utopie wagen, indem wir auf die Kunst schauen?“, fragte die
Theaterringvorsitzende Dorothea Frenzel zu Beginn der Veranstaltung. Das war eine der
Fragen, auf die die beiden im Verlauf des Gesprächs eingingen.
Hoffnung als zentrales Thema
Das Thema Hoffnung kam nicht von ungefähr. Schließlich ist erst kürzlich die Ausstellung
„Utopia. Recht auf Hoffnung“ im Kunstmuseum zu Ende gegangen. Man habe damit ein
Angebot liefern wollen, erklärte Beitin. „Und natürlich bilden wir uns nicht ein, dass wir mit so
einer Ausstellung die Gesellschaft verändern“, aber es sei eine gute Übung in
Perspektivwechsel: raus aus dem Alltagsmodus, rein in andere Möglichkeiten.
Weller sah dabei die bildende Kunst im Vorteil gegenüber der Musik. Die zeitgenössische
Musik führe eher ein Nischendasein. Der Schritt in die radikale Moderne mit Atonalität und
Formauflösung sei weniger in der Gesellschaft angekommen. Im Konzertbetrieb dominiere
Repertoire mit der Sicherheit, dieses einfacher verkaufen zu können. Beide waren sich einig,
dass die Gesellschaft visueller geprägt sei, wenn auch gerade durch Soziale Medien mit immer
kürzerer Aufmerksamkeitsspanne.
Kunst als Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte
„Aber wir sehen uns auch als Museum in der Pflicht - und ich ganz besonders sehe mich da in
der Pflicht - auch einen Teil zu einer gesellschaftlichen Debatte beizutragen. Genauso, wie
Theater es tun, genauso, wie es auch andere Kulturschaffende tun, dass man im Grunde
etwas leistet, um einfach mehr Gemeinsamkeit, mehr Gemeinschaftssinn, mehr Solidarität
einfach auch zu entwickeln und das darzustellen“, sagte Andreas Beitin.
Während Martin Weller John Cages stilles Stück „4´33“ als pars pro toto für die radikale
Auflösung des Werkbegriffs und das Ende der Kunst sah, konnte Andreas Beitin nur bedingt
zustimmen, dass man sich in der Postmoderne befindet. Dabei verwies er auf ganz neue
Kunstformen wie die Post-Internet-Kunst, bei der junge Künstler die Medien oder die
Bildfluten aus dem Internet nutzen, um daraus Kunstwerke zu schaffen.
Gemeinsame Wurzeln abseits der Kunst
Es war ein spannender, intellektueller Austausch der beiden auf hohem, aber trotzdem zu
jeder Zeit verständlichem Niveau. Dabei trat zutage, dass beide mal das Treckerfahren gelernt
haben. Weller entstammt einer landwirtschaftlichen Familientradition und hat schon früh
Mähdrescher und Erntemaschinen gesteuert. Beitin hat auf dem großelterlichen Hof gearbeitet
und vor seinem Studium der Kunstgeschichte zunächst eine Ausbildung als Gärtner gemacht.
Beide entstammen somit einer Kulturlandschaft, die eine ganz andere Bedeutung hat, als
diejenige, in der sie sich nun bewegen.